Wilhelm Kaltenborn zum 80. Geburtstag

Wilhelm Kaltenborn zeichnet sich durch seinen kreativen und kritischen Geist aus, wie er auch so vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eigen ist. Der Jubilar ist in Berlin geboren. Wer die Geschichte der Stadt kennt, erinnert sich, dass sein Geburtstag, der 15. August 1937, nahe einem Datum der Berliner und damit auch der deutsch-deutschen Geschichte liegt: Am 13. August 1961 wurde die Stadt mit dem Bau der Mauer geteilt –aus einem Ganzen wurden zwei ungleiche Teile: Berlin (West) und Berlin, Hauptstadt der DDR. Wilhelm Kaltenborn wird in seinem Berufsleben immer wieder an dieser Nahtstelle wirken, und er hat nach 1989, insbesondere bei den Konsumgenossenschaften, wesentlich dazu beigetragen, dass wieder „zusammenwächst, was zusammengehört“.

Wilhelm Kaltenborn studierte an der noch jungen Freien Universität Berlin im westlichen Teil der Stadt Soziologie und erwarb den akademischen Grad eines Diplom-Soziologen. Dieses Fach lässt nicht sogleich einen Werdegang als Führungskraft und Manager bis hin zum Amt eines Vorstandssprechers erwarten. Es bildet jedoch sehr früh ein Gespür für unternehmensinterne wie auch gesellschaftliche – soziale – Verantwortung aus. In Kaltenborns Fall darf man sagen, dass dieses Gespür eher noch geschärft wurde. Vermitteln und Interessen ausgleichen war seine Aufgabe in vielen Positionen. Daraus erklärt sich gewiss auch sein nicht nur akademisches Interesse am Leben und Werk von Hermann Schulze-Delitzsch, das er zu einer ihresgleichen suchenden Kennerschaft entwickelt hat. In dessen Person dürfte Kaltenborn an erster Stelle das Wirken als Sozialreformer sehen.

Sein beruflicher Werdegang begann als Mitarbeiter beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes und führte weiter zur Neuen Heimat in Hamburg und Frankfurt am Main. Dabei spielte auch immer der innerdeutsche Dialog eine große Rolle. Seit 1991 gehört er dem Verband der Konsumgenossenschaften, dem heutigen Zentralkonsum, an, zuletzt als dessen Vorstandssprecher. Seit 2002 ist er Aufsichtsratsvorsitzender dieser Genossenschaft. Als sein Nachfolger übernahm Martin Bergner das Amt des Vorstandssprechers. Überdies gehörte Kaltenborn von 1994 bis 2004 als Mitglied dem Prüfungs- und Kontrollausschuss des Internationalen Genossenschaftsbundes (Genf) an und war von 2000 bis 2003 (Ko-)Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Konsumgenossenschaften.

Als Vorsitzender des Kuratoriums des Fördervereins Hermann Schulze-Delitzsch und Gedenkstätte des deutschen Genossenschaftswesens (heute: Deutsche Hermann Schulze-Delitzsch Gesellschaft) folgte mit ihm ein Sozialwissenschaftler auf den langjährigen Gründungsvorsitzenden, den Potsdamer Juristen und Hochschullehrer Rolf Steding (1937–2016). Hier führte Kaltenborn von 2009 bis 2012 die sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Vorsitzenden des Fördervereins und Verbandspräsidenten des Mitteldeutschen Genossenschaftsverbandes, Dietmar Berger, erfolgreich fort und setzte eigene Akzente.

Anlässlich des Gedenkens an den 200. Geburtstag von Hermann Schulze-Delitzsch (2008) nahm er eine Einladung des Österreichischen Genossenschaftsverbandes (Schulze-Delitzsch) zu einem Vortrag (Ein großes Leben: Hermann Schulze-Delitzsch, 1808–1883) nach Wien zum Genossenschaftstag an.

Wilhelm Kaltenborn liegen die Menschen und ihr Miteinander am Herzen. Dies erschließt etwa aus dem folgenden Zitat – und ist doch oft so schwer zu verwirklichen:

"Genossenschaften können ein wohltuendes Korrektiv in einer Gesellschaft sein, in der es mehr Erfolg verspricht, die Ellenbogen gegen den Nachbarn einzusetzen, als Hand in Hand gemeinsam nach Erfolg zu streben."
Schein und Wirklichkeit (2014, S. 322)

Er hat nicht nur zu (konsum)genossenschaftlichen Themen zahlreiche Aufsätze verfasst, sondern auch einige sehr kenntnisreiche und kritische Bücher, die zu einem glaubwürdigeren Genossenschaftswesen beitragen und meines Erachtens hohen wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden. Dazu zählen Genossenschaften zwischen Sozialisierung und Gemeinwirtschaft (2008) und die beiden ebenso umfangreichen Werke Vision und Wirklichkeit (2012) und Schein und Wirklichkeit (2014), deren Botschaft ihm gerade bei den Genossenschaftsverbänden, insbesondere im Hinblick auf seine Sicht zur Genossenschaftsrevision, nicht nur Freu(n)de gebracht haben dürfte.

Ähnlich erging es Schulze-Delitzsch selbst, dessen Eintreten für die unbeschränkte Solidarhaftung wie auch die Umwandlung gewachsener Genossenschaften in Aktiengesellschaften bei seinen Nachfolgern auf Widerstand traf und dazu führte, dass die frühen Gründungen trotz größer und anonymer gewordener Mitgliedergruppen in ihrer Rechtsform, der eingetragenen Genossenschaft, verbleiben und bis heute fortbestehen konnten. Ähnlich könnte man die Rolle der Verbände in der heutigen Zeit definieren, den Blick für die Interessen und den Fortbestand aller ihrer inzwischen sehr unterschiedlichen Mitgliedergenossenschaften und deren Mitglieder zu wahren.

Für die erste Erinnerung an den besonderen Geburtstag in diesem Jahr und die Ermutigung, die erwogene Laudatio selbst zu gestalten, danke ich zweien seiner Wegbegleiter. Sehr herzlich gratuliere ich auch im Namen dieser beiden mit allen guten Wünschen für das persönliche Wohlergehen sowie für die noch zahlreichen Pläne und erfolgreich verlaufenden Projekte!

Dr. Holger Blisse

Blisse, H. (2017). Wilhelm Kaltenborn zum 80. Geburtstag. Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen, 67(4), pp. 319-321. Retrieved 7 Mar. 2018, from doi:10.1515/zfgg-2017-0029

 

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